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Mathematik

Warum Exponentialfunktionen schneller wachsen als Potenzfunktionen

von Mathe-Abitur 120/120 · DPG-Physik-Abiturpreis

Keine KI, von einem echten Menschen geschrieben :)

Wenn wir uns die Graphen der beiden Funktionen f(x)=x100f(x) = x^{100} und g(x)=1,1xg(x) = 1{,}1^x anschauen, sehen wir: Der Graph von ff schneidet den Graphen von gg bei ungefähr x=1x = 1 und schießt danach steil nach oben. Die Potenzfunktion scheint also ab da für immer größer zu sein als die Exponentialfunktion. Denn x100x^{100} wächst ja so viel schneller als 1,1x1{,}1^x, richtig?

Oder etwa doch nicht?

Der versteckte Schnittpunkt

Wenn wir ganz weit nach rechts scrollen, und dann noch viel weiter nach oben, sehen wir etwas Erstaunliches. Genauer gesagt bei x≈9625x \approx 9625 und y≈10398y \approx 10^{398} (einer Zahl mit 399 Stellen) gibt es einen zweiten Schnittpunkt. Und ab dort liegt der Graph von gg über dem von ff, und zwar für immer.

Langfristig wächst die Exponentialfunktion also doch schneller als unsere Potenzfunktion.

Das Wachstum von Funktionen

Und das gilt nicht nur für dieses eine Beispiel, sondern für alle Exponentialfunktionen und Potenzfunktionen:

Jede Exponentialfunktion axa^x (mit a>1a > 1) wächst langfristig schneller als jede Potenzfunktion xnx^n.

Aber wie beweist man das? Wie kann man zeigen, dass es immer noch einen weiteren Schnittpunkt gibt, ab dem die Exponentialfunktion die Potenzfunktion überholt und sich die beiden Graphen danach immer weiter voneinander entfernen?

Der Grenzwert

Mathematisch heißt „die Exponentialfunktion wächst schneller als die Potenzfunktion“:

lim⁡x→∞xnax=0\lim_{x \to \infty} \frac{x^n}{a^x} = 0

Wenn wir jetzt aber unsere beiden Funktionsterme aus dem Beispiel einsetzen, stellen wir fest:

lim⁡x→∞x1001,1x⟶∞∞\lim_{x \to \infty} \frac{x^{100}}{1{,}1^x} \longrightarrow \frac{\infty}{\infty}

Das hilft uns erst mal nicht weiter, denn ∞∞\frac{\infty}{\infty} ist kein Ergebnis, sondern ein unbestimmter Ausdruck. Aber vielleicht kommt dir genau der bekannt vor: Um daraus etwas Sinnvolles zu machen, dürfen wir die Regel von L'Hospital anwenden.

Ableiten, ableiten, ableiten

Die Regel besagt: Wenn wir bei einem Grenzwert auf ∞∞\frac{\infty}{\infty} (oder 00\frac{0}{0}) stoßen, dürfen wir Zähler und Nenner einzeln ableiten. Der Grenzwert des neuen Bruchs ist dann derselbe wie der des alten. Also machen wir das mal:

lim⁡x→∞x1001,1x=lim⁡x→∞100⋅x99ln⁡(1,1)⋅1,1x⟶∞∞\lim_{x \to \infty} \frac{x^{100}}{1{,}1^x} = \lim_{x \to \infty} \frac{100 \cdot x^{99}}{\ln(1{,}1) \cdot 1{,}1^x} \longrightarrow \frac{\infty}{\infty}

Immer noch ∞∞\frac{\infty}{\infty}. Also wenden wir die Regel erneut an. Und nochmal. Und nochmal. Insgesamt 100-mal, bis im Zähler kein xx mehr steht:

lim⁡x→∞x1001,1x=⋯=lim⁡x→∞100⋅99⋅98⋅…⋅2⋅1ln⁡(1,1)100⋅1,1x=lim⁡x→∞100!ln⁡(1,1)100⋅1,1x=0\lim_{x \to \infty} \frac{x^{100}}{1{,}1^x} = \dots = \lim_{x \to \infty} \frac{100 \cdot 99 \cdot 98 \cdot \ldots \cdot 2 \cdot 1}{\ln(1{,}1)^{100} \cdot 1{,}1^x} = \lim_{x \to \infty} \frac{100!}{\ln(1{,}1)^{100} \cdot 1{,}1^x} = 0

Im Zähler steht jetzt die feste Zahl 100!100!, im Nenner wächst 1,1x1{,}1^x weiter über alle Grenzen. Eine feste Zahl geteilt durch etwas, das gegen unendlich geht, ergibt 00.

Damit haben wir gezeigt: In diesem Beispiel wächst die Exponentialfunktion letzten Endes tatsächlich schneller als die Potenzfunktion.

Verallgemeinern

Genau dasselbe Argument funktioniert für jedes nn und jede Basis a>1a > 1:

Wir leiten die Potenzfunktion xnx^n so oft ab, bis der Exponent 00 ist. Dann steht im Zähler die feste Zahl n!n!. Im Nenner bleibt das xx dagegen immer im Exponenten stehen, egal wie oft wir ableiten, denn jede Ableitung liefert nur einen zusätzlichen Faktor ln⁡(a)\ln(a):

lim⁡x→∞xnax=lim⁡x→∞n!ln⁡(a)n⋅ax\lim_{x \to \infty} \frac{x^n}{a^x} = \lim_{x \to \infty} \frac{n!}{\ln(a)^n \cdot a^x}

Und weil unsere Basis größer als 11 ist, geht der Nenner gegen unendlich. Also gilt:

lim⁡x→∞xnax=0\lim_{x \to \infty} \frac{x^n}{a^x} = 0

Die Exponentialfunktion gewinnt, man muss ihr nur genug Zeit geben.

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